Gesamtschul-Fraktion erhöht langsam den Druck
Vielleicht ist es auch falsch ausgedrückt und könnte eher sagen: der Druck wächst automatisch. Laut BiGiL, der Bürgerinitiative zur Einrichtung einer Gesamtschule in Lehrte, ist die Anzahl der Unterschriften für eine Gesamtschule inzwischen auf 1000 angestiegen.Damit können die Initiatoren um den Grünen Carsten Milde auf erfolgreiche letzte Wochen zurückblicken. Laut Meldung von gestern auf der BiGiL-Internetseite hat sich auch das DGB-Ortskartell komplett dahinter gestellt. Allein SPD und CDU stehen nun ein wenig mit dem Rücken an der Wand, bzw. hüllen sich in Schweigen. Die FDP sowieso. Die Linkspartei in Lehrte gehört, ehe ich das vergessen, natürlich zum gesetzten Unterstützerkreis.
Zurück zu den beiden großen Volksparteien. Die CDU ist wahrscheinlich mehr als gespalten zur Einrichtung einer Gesamtschule, zumal die Vorgaben aus dem Landesverband mehr als uneindeutig sind und sich auch die CDU-Fraktion und die CDU-Ministerin erst einmal auf irgendwas wie eine Linie einigen müssen. Die Versprechen aus dem Zeitraum vor der Wahl sind zumindest erst einmal grob hinfällig.
Bleibt die SPD: gesamtpolitisch gesehen sollte das eine klare Sache sein - es wurde mit Gesamtschulen Wahlkampf betrieben und es gibt kaum einen vernünftigen Grund, nun davon abzugehen. Im Land ist das sicherlich auch Konsens. Schwierig wird es aber nun in der kleinen Kommune, wo alles umgesetzt und vor allem auch irgendwie finanziert werden will. Zumindest hat die SPD außer einer schwammigen positiven Zusage, dass man überlegen wird, bisher nicht viel von sich gegeben. Damit schwimmen ihr nun mittlerweile langsam die Felle weg, und das bei einem Thema, das doch sehr geeignet sein könnte, sich hier in Lehrte mal wieder zu profilieren.
Nun wissen wir alle, dass man “nicht mal eben so” eine Gesamtschule baut/umbaut/errichtet. Konsequenzen wollen bedacht werden, Standorte gesucht undsoweiterundsofort … aber das große Schweigen ist bestimmt wenig nützlich, um mir z.B. transparent die Vorgänge zu erläutern. Selbiges gilt im Übrigen auch für die GRÜNEN selbst. Es gibt natürlich Carsten Milde, dieser aber ist nicht gleich Ratsfraktion. Einziges öffentliches Signal kam bisher von der Grünen Jugend. Herr Schütz und Herr Gruhl dagegen halten sich bisher auch zurück, vielleicht um am Ende nicht als vorpreschender Buhmann da zu stehen.
15 April 2008 um 5:16
Die heutige Gesamtschule vermag nicht das zu leisten , was sich einige Opportunisten vorstellen. Seriöse Untersuchungen haben gezeit ,daß die Gesamtschule in der heutigen Form gescheitert ist. (vergl. auch Spiegel-online vom 4.April.2008 “Wie ein Reformtraum zum Aiptraum wurde” von Chr.Füller). Auch der Pedagogikproffessor Feist , ein Befürworter der Gesamtschule , mußte ernüchtert feststellen, daß die heutige Gesamtschule ihre Aufgabe nicht erfüllen kann.
Ich denke unsere Gesamtschul-Fraktion sollte beide Artikel grünlichst lesen und nachdenken! Bevor es ein “shot for nothing” wird.
16 April 2008 um 11:41
Guten Tag Herr Gürtler,
man könnte in der Tat behaupten, dass die heutigen Befürworter der “Gesamtschule” sich wohl mehr davon versprechen, als am Ende dabei herauskommen wird. Der Fairness halber sollte aber gesagt werden, dass z.B. der von Ihnen zitierte Herr Füller als Alternative zur Gesamtschule NICHT das bisherige dreigliedrige Schulsystem unterstützt. Ganz im Gegenteil: das “Scheitern” bezieht sich bei ihm auf die nicht konsequente Umsetzung einer “richtigen” Gesamtschule. Für Herrn Christian Füller gehen die heutigen Gesamtschulen alle noch nicht weit genug. Reformschulen müssen her. So wohl auch der Tenor seines Buches.
Tja, und einen Prof. Feist konnte ich auf die Schnelle leider überhaupt nicht finden. Aus diesem Grund verbietet sich ein Kommentar dazu.
Auf jeden Fall aber wird aus Ihrem Kommentar nicht deutlich, was Sie wollen. Bisher bleiben Sie beim “Weiter so” stehen, mit dem Sie persönlich sicherlich auch gut durchgekommen sind. Vielleicht werden die Menschen von heute aber von anderen Dingen bewegt. Von daher: “Die meisten großen Taten und die meisten großen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang…” (Albert Camus).
Gruß
KB
17 April 2008 um 10:59
Zunächst dr Prof. heißt nicht Feist sondern Fend.Ich bitte mein Versehen zu entschuldigen. Nachfolgend der Artikel:
STREIT ÜBER SCHULSYSTEM
Gesamtschule folgenlos, Bildung wird vererbt
Von Jochen Leffers
Fördern Gesamtschulen Arbeiterkinder besser als das dreigliedrige Schulsystem? Ein Pädagogikprofessor hat die Lebenswege hessischer Schüler über Jahrzehnte verfolgt. Sein ernüchterndes Fazit: Die soziale Herkunft ist entscheidender als die Schulform.
Eins zu zwölf. In Zahlen: 1:12. So stehen die Chancen eines Arbeiterkindes, einen Hochschulabschluss zu erreichen, im Vergleich zu einem Oberschichtkind. Das ist eine niederschmetternde, wenngleich keine neue Erkenntnis - das deutsche Bildungssystem ist dafür berüchtigt, dass es Kinder und Jugendliche höchst wirkungsvoll nach ihrer sozialen Herkunft sortiert. Und Migrantenkinder werden erst recht abgehängt. Die Pisa-Studien zeigen: Bildungsgerechtigkeit zu schaffen, gelingt in Deutschland viel schlechter als in vergleichbaren Ländern.
Viertklässler mit Zeugnissen: Früh trennen sich die Wege der Kinder
Daran entzündet sich ein schier endloser Streit um das richtige Schulsystem. Im Zuge der Reformeuphorie der siebziger Jahre führte die Einführung von Gesamtschulen in einigen Bundesländern zu einem regelrechten Kulturkampf. Sie sollten die traditionelle Trias von Gymnasien, Real- und Hauptschulen brechen und Kinder aus bildungsfernen Schichten zu besseren Chancen verhelfen. Ein erfolgreicher Ansatz? Der Wissenschaftler Helmut Fend kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Auch die Gesamtschulen scheitern an diesem Anspruch.
Seine Untersuchung gibt der Schulsystem-Debatte neue Nahrung. Als Pädagogikprofessor lehrte Fend in Konstanz und Zürich, ist inzwischen emeritiert und steht keineswegs im Verdacht, Gesamtschulen zu hassen. Im Gegenteil, vielen Schulreformern fühle er sich verbunden, schreibt Fend in der “Zeit”. Dort bilanziert er, dass die “soziale Herkunft hierzulande noch langfristiger über den Bildungserfolg der Kinder entscheidet als bisher angenommen” - eine “bittere Erkenntnis”.
Frühe Förderung, mehr Durchlässigkeit
In den siebziger Jahren leitete Fend eine große Studie über die Vor- und Nachteile von Gesamtschulen und verfolgte für seine neue Untersuchung die Lebenswege von Schülern an Gesamt- und anderen Schulen; sie sind zwischen 12 und 35 Jahre alt und wohnen in oder um Frankfurt herum. Ob sie studierten, welche Schulabschlüsse und Berufspositionen sie erreichten, dafür spielte die Schulart Fends Studie zufolge praktisch keine Rolle. Gesamtschüler schnitten nicht besser ab als vergleichbare Absolventen anderer Schulen.
Viel wichtiger für den Bildungserfolg ist demnach das Elternhaus - vor allem, wenn es um “Entscheidungen mit Risikocharakter” geht, also etwa zum Schulabschluss, zur Ausbildung oder Berufslaufbahn. Dann tritt die Schulform in den Hintergrund, stattdessen “kommen die Ressourcen der Familie zum Tragen”, so Fend in der “Zeit”.
Der Erziehungswissenschaftler lässt durchblicken, dass er einen Neustart der ideologisch aufgeheizten Schulsystem-Diskussion für sinnlos hält. Er plädiert für pragmatische Lösungen, vor allem für mehr Durchlässigkeit: Wenn Jugendliche nach dem neunten oder zehnten Schuljahr den Haupt- oder Realschulabschluss in der Tasche haben, muss das nicht die Endstation in der Bildung sein. Sie können auch an berufsbildenden Gymnasien weitermachen oder andere Wege zur Hochschulreife absolvieren.
Daneben hält Fend auch eine “gezielte Frühförderung, etwa durch Ganztagsschulen”, für sinnvoll und favorisiert ein zwei- statt dreigliedriges Schulsystem. Soll heißen: Das Gymnasium bleibt, aber Haupt- und Realschulen werden zusammengefasst. Weg mit der Hauptschule - diese Forderung fand in den letzten Monaten bei Bildungsforschern und -politikern immer mehr Anhänger.
“Der Geist des Menschen ist ein Gefäß , das nicht gefüllt , sondern ein Feuer ,daß entfacht werden will.” (Plutarch)
“Um solch ein Feuer zu entfachen und am Brennen zu halten , bedarf es Brennmaterial sprich Wissen. Dieses sich zu erarbeiten bedeutet ,es zu wollen. Dabei ist es gleich ob arm oder reich , ob bildungsnah oder bildungsfern .Die Aufgabe der Gesellschaft ist es , den Willen zum Wollen zu bestärken!” (Autor)
24 April 2008 um 11:28
Hallo Kommunalblogger,
für die Unterstützung in Sachen Gesamtschule bin ich als Sprecher der BiGiL natürlich dankbar.
Als zugleich Grüner darf ich aber auf folgendes hinweisen: Wir Lehrter Grünen fordern seit Jahren die Errichtung einer Gesamtschule in Lehrte. Das stand nicht zuletzt auch in unserem Kommunalwahlprogramm 2006 - und das obwohl es damals kein (leeres?) Versprechen der Landes-CDU gab, das Gründungsverbot aufzuheben.
Als nun die öffentliche Diskussion Ende Januar durch die Hämelerwalder SPD in der Presse begonnen wurde, haben wir mit Pressemitteilung vom 30.01.08 an unsere Position erinnert - und präzisiert, dass wir uns eine IGS für Lehrte wünschen. Das steht übrigens aud unserer website gleich unter dem ähnlich lautenden Artikel der Grünen Jugend
Inzwischen ist ja auch ein neuer Stand erreicht. Die beiden Fraktionen von SPD und Grünen haben sich auf einen gemeinsamen Antrag geeinigt, der am 30.04. im Rat eingebracht werden wird. Das ist zwar im wesentlich ein Prüfauftrag an die Verwaltung. Aber er enthält eben auch die politische Willenserklärung, eine Gesamtschule in Lehrte zu gründen. Mehr ist angesichts des immer noch nicht aufgehobenen Gründungsverbot auch nicht sinnvoll.
Ein paar Bemerkungen zu den Bemerkungen von Herrn Gürtler:
Studien und Gutachten sind nur so gut wie die Fragestellungen, die man ihnen aufgibt. Und damit werden sie höchst interpretationsfähig, wie an den unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten zu sehen ist, auf die “KB” hingewiesen hat.
Deutlicher sind da schon Zahlen - und die sprechen für Gesamtschulen. Denn an Gesamtschulen verlassen einfach deutlich weniger SchülerInnen die Schule ohne Abschluss als an Hauptschulen landauf landab. Das hat Richard Wilmers beispielhaft für die IGS Schaumburg bei der Gründungsveranstaltung der BiGiL belegt. Wenn ich mich richtig erinnere haben in den letzten fünf Jahren gerade mal zwei (in Zahlen 2) Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen.
Noch ein paar andere Zahlen: Seit 2006 vergeben das ZDF, der STERN, die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung den Deutschen Schulpreis. Er wurde 2006 von unserem Bundespräsidenten (CDU) und 2007 von der Bundesbildungsministerin (CDU) überreicht. Von insgesamt den 10 Preisträgern sind 7 Gesamtschulen, 1 Grundschule, 1 Förderschule und 1 Gymnasium.
Noch deutlicher Wird es, wenn man sich ansieht, wie viele Teilnehmer-Schulen es davon jeweils gegeben hat: Von 74 teilnehmenden Gesamtschulen haben es 7 Schulen in den Kreis der Preisträger geschafft. Hingegen hat es nur ein einziges der 175 teilnehmenden Gymnasien in den Kreis der Preisträger geschafft.
Ich behaupte: die Gesamtschule ist die bessere Schule !
Und dann ist da noch der Elternwille. Die Anmeldungen an den bestehenden Gesamtschulen sind so zahlreich, dass die niedersächsischen Gesamtschulen den Ansturm nur zu Hälfte bewäligen können (vgl. http://www.ggg-bund.de) - und da sind die Eltern aus den Kommunen, in denen es noch gar keine Gesamtschulen gibt noch gar nicht mit drin!
Ich könnte noch ewig so weiter schreiben, aber es soll erst mal reichen.
Den einen Kommentar kann ich mir aber nicht verkneifen, lieber KB: Ich finde es bedauerlich, dass Sie sich in die Anonymität zurückziehen. Wollen Sie zu Ihren Positionen nicht öffentlich mit Ihrem Namen stehen? Warum nicht? Ich würde mich jedenfalls über einen weiteren, unanonymen Unterstützer der “Gesamtschulsache” freuen.